Legia Warschau – BVB 14.09.2016

Das Spiel mit dem Feuer in der Hölle von Warschau oder die hässliche Fratze des Fußballs.

 

Erste Runde Krankenschein…Borussia Dortmund International!

Nachdem uns die UEFA zwei schöne Lose gezogen hatten, Dauergegner Real und Sporting Lissabon, kam mit dem letzten Los leider ein recht unerfreulicher Gegner hinzu, Legia Warschau. Daraufhin gab es in unserem internen Chat bereits die ersten Absagen für diesen Gegner. Es fanden sich jedoch drei Wagemutige, die sich trotz aller Vorwarnungen dazu entschieden, die Reise nach Warschau anzutreten. Aufgrund beruflicher Verpflichtungen kam für uns die Möglichkeit, mit einem der Fanbusse aus Dortmund mitzufahren, nicht in Betracht. Daher wagten wir die Anreise mit dem eigenen PKW, wovor eigentlich explizit gewarnt wurde.

Anreise

Unsere Reise starteten wir dann am 14. September morgens um 07:00 Uhr in Partenstein. Ein Mitglied kam dabei direkt von der Nachtschicht, war aber noch fit genug um den ersten Part von ca. 250 km am Steuer zu übernehmen. Nach ein paar Stunden auf der Autobahn, mit zwischenzeitlichem Fahrerwechsel und damit etwas Schlaf auf der Rücksitzbank, hatten wir auch irgendwann die Grenze hinter uns gelassen und es kamen die ersten faustdicken Überraschungen: Zum einen gibt es in Polen sehr selten Tankstellen direkt an der Autobahn und zum anderen hat Polen einen anderen Adapter für Autogas. Nur gut, dass das Auto auch mit Benzin fährt, sonst wäre an dieser Stelle unsere Reise zu Ende gewesen. zum Autobahnfahren in Polen kann ich ansonsten nur schreiben, dass es extrem langweilig ist. Am Randbezirk von Warschau dann angekommen, landeten wir genau im Feierabendverkehr und benötigten für die letzten 10km ca. eine Stunde.

Die ungewisse Fahrt nach Warschau

Die ungewisse Fahrt nach Warschau

 

Ankunft Warschau

Nach 11 Stunden und damit 18 Uhr kamen wir auf dem „Gästeparkplatz“ für PKW an, man hätte ihn auch als eine Ausbuchtung neben einem Park bezeichnen können. Und endlich die Blase leeren, endlich die Fankleidung anziehen, endlich Bewegungsfreiheit. Auf in Richtung Fantreffpunkt, der vor lauter leeren Bechern und Papptellern bereits aussah wie ein Schlachtfeld. Noch schnell ein Bier und eine komische Wurst geholt, ein paar bekannte Gesichter getroffen, u. a. unsere Freunde von den Südwestborussen, dann setzte sich die schwarz-gelbe Meute auch schon in Bewegung, vorbei an einem netten Aufgebot der Polizei, bis zum ca. 500 Meter entferntem Gästeeingang des Stadions.

Stadion Wojska Polskiego und Willkommensgruß

Dort angekommen, gleich die freudige Überraschung: Ganze zwei Drehkreuze standen für uns zur Verfügung, da kam Freude auf. Wieso habe ich mir nur nicht noch zwei Bier mehr mitgenommen…aber auch die Zeit ging vorüber. Die Eingangskontrolle war dann in meinen Augen ein Witz. Drinnen angekommen, bescherten uns zumindest die Preise für Getränke etwas Freude, ca. 2,- € für einen 0,5l Softdrink oder 1,25 € für ein 0,5l Wasser sind auf jeden Fall in Ordnung. Es gab allerdings kein Bier!!!

Legia Warschau Einlasskontrolle

Einlasskontrolle mit zwei Drehkreuzen

Das Stadion Wojska Polskiego kann man nur als sehr gelungen bezeichnen, wirklich ein schicker Bau. Als wir uns dann das erste Mal durch ein lautes „Hurra, Hurra, die Dortmunder sind da“ bemerkbar machten, schlug uns allerdings eine sehr laute Welle von „Borussia, Juden, Juden“ entgegen. Hier konnten wir nicht davon sprechen, dass nur ein Teil der Nordtribüne Żyleta (Rasierklinge), dem Platz der Legia Ultras, mitmachte, sondern eher mehr als weniger das ganze Stadion. Es dauerte dann auch nicht lange, und es waren im direkt im an unseren Block angrenzenden Bereich eine Truppe von ca. zehn polnischen Personen auszumachen, die zu uns schaute, unmissverständlich als Chaoten zu identifizieren. Daraufhin wurden bereits die ersten Banner unserer Fanclubs am seitlichen Zaun sicherheitshalber entfernt, wir verzichteten im Voraus aus genau diesen Gründen auf die Mitnahme des Mainborussen Banners. Kurz darauf waren dann besagte Chaoten im Oberrang ausfindig zu machen und provozierten, woraufhin bereits ein oder zwei Dortmunder versuchten, den Zaun zu überwinden. Jedoch gab es einen Zwischenbereich, in dem auch Ordner postiert waren, die auf beiden Seiten für Ruhe sorgten.

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Mainborussen bei Legia Warschau

Das Stadion füllte sich so langsam mit den restlichen Heimfans und man merkte bereits, dass die Kulisse lauter wurde. Bis Spielanpfiff erfolgte noch mehrmals als Gegenantwort auf unseren kurzzeitigen Gesang oder auch beim Einlaufen unserer Mannschaft das oben erwähnte „Borussia Juden“. Je voller das Stadion wurde, desto lauter wurden diese Rufe, auch von den Seitenrängen erklang es, so dass man nur das Resümee ziehen kann, dass dieser Ausdruck auf große Akzeptanz bei den Anhängern von Legia beruht, egal ob Ultra oder normaler Fan. Hier gibt es auch im Nachhinein nichts zu beschönigen, insbesondere durch Versuche des Vereins Legia Warschau, um einer möglichen Strafe zu entgehen.

Choreo und Pyroshow

Zu Spielbeginn wurde dann unter dem Motto „Guess who is back“ eine beeindruckende Choreo seitens Legia Warschau gestartet, abgerundet durch massiv Pyrotechnik an allen Ecken. Wirklcih ein Hammer. Auch Teile unserer Fans waren gut vorbereitet und starteten ebenfalls eine kleine Aktion im Oberrang. Und spätestens jetzt mussten wir erkennen, dass wir in der Hölle von Warschau angekommen waren. Uns schlug ein Schallpegel entgegen, der es wahrlich in sich hatte, nicht nur aus dem nördlichen Bereich der Ultras, sondern von allen Seiten. Zudem bewegte sich die Nordtribüne einheitlich wie die polnische Armee, deren Name das Stadion trägt. Schnell war uns klar, dass es hier ganz ganz schwer wird, unsere Mannschaft lautstark anzufeuern, da wir phasenweise unsere eigenen Vorsänger ca. 15 Reihen unter uns kaum verstanden bzw. nur anhand des Taktes der Trommeln und dem Klatschen die eigenen Lieder bei Beginn erkannten. Bei so etwas hilft dann wirklich nur so laut zu singen, wie man kann und mitzuklatschen, damit auch der/die Nebenmann/-Frau und Hinterleute das jeweilige Lied erkannten und mitmachen konnten. Ich denke, das wurde von allen ganz gut umgesetzt, trotz dieser beeindruckenden Heimstimmung.

Pyroshow Legia Warschau

Guess Who Is Back

BVB Pyro Warschau

Stimmung im Block

Auch die frühe Führung durch unseren Rückkehrer mit der Nummer 10 in der siebten Minute änderte an dieser Stimmgewaltigkeit nichts. Mit der gleichen Intensität, die unsere Mannschaft auf dem Weg nach vorne zum gegnerischen Tor legte, ging es weiterhin auf den Rängen zu. Auch der kurz aufeinanderfolgende Doppelschlag durch Papa und Bartra ließ die Heimfans nicht verstummen. Im Gegenteil, man musste an dieser Stelle einfach anerkennen, dass die Nordtribüne Żyleta fantastisch anzusehen ist. Die knapp 7.500 Fans dieses Bereichs traten wirklich als eine Einheit auf, bis in jede Ecke wurde synchron mitgemacht und im Takt geklatscht, was zumindest bei mir richtig Eindruck hinterlassen hat. An dieser Euphorie können sich auch Teile der Südtribüne mal eine Scheibe abschneiden.

Unsere Mannschaft legte währenddessen weiterhin ein Feuerwerk auf dem Rasen hin, lediglich die Chancenverwertung ließ etwas zu wünschen übrig. Aber darauf kam es beim Stande von 3:0 aus Sicht unseres Teams und drückender Überlegenheit auch nicht mehr unbedingt an.

Die hässliche Fratze des Fußballs

Unser Nachbarblock nach dem versuchten Angriff

In der 32. Minute zeigte sich dann die hässliche Fratze des Fußballs bzw. gewaltbereiter polnischer Hooligans oder noch besser ausgedrückt, Chaoten und Kriminelle von Legia Warschau, als versucht wurde, den angrenzende Heimblock mit Gewalt zu stürmen, um sich sehr wahrscheinlich Zugang zu unserem Gästeblock zu verschaffen. Hierbei wurden die zur Sicherheit postierten Ordner mit massiver Gewalt angegangen, teilweise überwältigt, ihres Pfeffersprays oder Reizgases entledigt und sofort zum Einsatz gebracht. Für uns erkennbar, waren vielleicht zwanzig bis dreißig Vermummte in den Block eingedrungen, in Nachberichten ist jedoch die Rede von bis zu 170 Chaoten. Im Nachhinein muss man wirklich dankbar sein, dass wahrscheinlich durch den Einsatz des Reizgases ein Großteil dieser Idioten nicht in den Nachbarblock gelangte. Bedenkt man jetzt noch, dass sich hier höchstwahrscheinlich Ordner für uns einsetzten, die diesen Job als Möglichkeit zum Nebenerwerb nutzen, kann man nur hoffen, dass sich keiner dieser Sicherheitskräfte ernsthafte Verletzungen zugezogen hat.

Warum sich so ein großer Mob, auch auf große Entfernung sofort als Gewaltsuchend zu erkennen, überhaupt scheinbar unaufgehalten unserem Block so nähern konnte, spiegelt hier wohl ein Sicherheitsproblem bzw. die Duldung solcher Chaoten im Stadion wider. Einen Teil dazu trägt sicher auch die Diskrepanz der Befugnisse von Polizei in Stadien bei.

Jene besagte Polizei erschien daraufhin auch ein paar Minuten später in unserem Block, löste jedoch scheinbar vorab ein Missverständnis aus, dass zu Panik in Teilen unseres Bereichs führte. Ich kann an dieser Stelle jetzt nur meinen persönliche Sicht der Dinge und Erinnerungen wiedergeben, aber sicher ging es vielen Fans ähnlich wie mir. Plötzlich gingen die Sicherheitstüren hinter uns auf, wir standen im Unterrang ziemlich oben, ein paar Leute versuchten eilig in unseren Block zu gelangen. Ich selbst hatte keine direkte freie Sicht auf diesen Bereich, aber scheinbar wurden aufgrund der Vorkommnisse kurz zuvor im Nachbarblock, diese Leute nicht für BVB-Fans sondern polnische Hooligans gehalten. Ob unsere eigenen Leute eilig vor der ankommenden Polizei flüchteten oder was auch immer dort oben passierte, es löste eine kleine Massenpanik in diesem Bereich aus, so dass die Leute von oben nach unten drängten und auch stellenweise über die Sitze fielen. Im TV gab es diese Bilder allerdings nicht zu sehen, passiert ist es dennoch. Zwar dauerte es nur ein paar Sekunden, bis wir erkannten, dass es nichts zu befürchten gab, ab diesem Zeitpunkt machte sich nun aber ein mulmiges Gefühl und auch Angst vor einer erneuten Attacke breit. Hier muss ich ganz ehrlich gestehen, dass mir das Gefühl der Sicherheit abhanden gekommen ist.

Die Stimmung war nun erst mal auf dem Siedepunkt, die Geschehnisse auf dem Rasen nicht relevant, die Blicke unserer Fans gingen vermehrt nach rechts und links um mögliche neue Situationen frühzeitig erkennen zu können. Es wurde zwar weiterhin von Seiten unserer Ultras versucht anzufeuern, die Welle schwappte jedoch nicht mehr auf alle Bereiche über. Kurz vor der Halbzeit konnten wir dann jedoch mit ca. 80% Beteiligung der Fans weiter Stimmung machen. Singen hilft ja auch manchmal gegen Angst.

Halbzeit und Rest des Spiels

In der Halbzeitpause fanden dann noch eine kleine Aktion statt, die ich hier unbedingt erwähnen möchte:

Die Aktion spielte sich im bereits bekannten Nachbarblock ab, wo ein polnischer BVB-Fan eine Halbzeit lang das Spiel im schwarz-gelben Trikot verfolgen durfte. Scheinbar stieß das Trikot den dort sitzenden Fans, die übrigens beim Blocksturm durch die eigenen Hooligans wie die Wiesel gerannt sind, sauer auf (warum erst in der Halbzeit?), denn diese einzelne Person wurde jetzt von mehreren Leuten angegangen und seines Schals entledigt. Zusätzlich hat er, glaube ich, auch noch eine verpasst bekommen, worauf ein lautes Wortgefecht um den Schal entbrannte. Letztlich wurde er aus dem Block gebracht, flankiert von Sicherheitsleuten und einem Anzugträger, was von unserem Block mit gellenden pfiffen quittiert wurde. Man könnte jetzt sagen selber schuld, mit gegnerischem Trikot in diesem Block zu sitzen, aber das trifft hier eher nicht zu. Letztlich war es eine Aktion frustrierter Legia Anhänger.

Zwischendurch konnten wir uns noch davon überzeugen, dass unser Block durch ein massives Aufgebot an Polizei sehr gut abgesichert war, was etwas beruhigte. Die zweite Halbzeit verlief dann ähnlich wie der ersten dreißig Minuten, stimmgewaltig auf den Rängen und ein Fest auf dem Rasen. Es war weiterhin gute Stimmung im Norden, trotz der schlappen Leistung von Legia auf dem Platz, unter anderem ein lustig anzusehendes „1,2,3 Oberkörperfrei“ :). In unserem Bereich machten auch wieder fast alle mit und gingen bis an die Leistungsgrenze, so dass wir gesanglich gut mithalten konnten. Es folgten noch drei Tore unseres BVB durch Guerreiro, Castro und letztlich Aubameyang, der im Laufe des Spiels mehrere hochkarätige Chancen verspielt hatte. Auf dem Platz waren wir also absolut überlegen, auf den Rängen verhältnismäßig zumindest fast ebenbürtig.

Abreise Warschau

Nach dem Abpfiff kam die nicht anders zu erwartende Blocksperre für uns, die ca. 90 Minuten dauerte. Eine endlose Zeit des Wartens, bei der auch die ein oder andere Befürchtung bzgl. eines möglichen erneuten Angriffs außerhalb des Stadions aufkam. jedoch wurde uns zugesichert, dass der Weg bis zu den Bussen bzw. dem PKW-Parkplatz durch ausreichend Polizei gesichert sei. Letztlich war es dann auch so, alle zwanzig Meter stand ein voll ausgerüsteter Beamter, die Kreuzungen dicht gemacht durch Einsatzfahrzeuge. Am Parkplatz wieder angekommen, waren wir dann auch schon etwas erleichtert, zogen uns wieder um, stärkten uns noch kurz und fuhren dann im Konvoi los.

Begleitet wurden wir auf dem Rückweg durch Warschau von etlichen Polizeifahrzeugen mit eingeschaltetem Blaulicht und, allen Verkehrsregeln zum Trotz, mit ca. 100 km/h durch die Stadt hindurch Richtung Autobahn. Nichts wie hinaus aus dieser Stadt, das dachten sich vielleicht auch die Fahrer der Einsatzfahrzeuge, jedenfalls kann man die Fahrt zwar als spannend, nicht jedoch entspannend bezeichnen, da es ja auch noch normale Autofahrer und rote Ampeln gab, die wir ignorieren mussten, um nicht den Anschluss zu verlieren. Ein Stück wurden wir dann noch auf der Autobahn unter Blaulicht begleitet, bis sich dann meine Augen auf dem Rücksitz schlossen.

Nächster Halt, Fahrerwechsel, später noch mal Tanken und um ca. 05:30 Uhr Polen hinter uns gelassen und wieder die Grenze passiert. Um 11 Uhr waren wir dann endlich wieder in Partenstein, dem Ausgangspunkt der Reise von drei verrückten Mainborussen. Es lagen fast 2.200 km und knapp 21 Stunden Autofahrt hinter uns, viel Vorfreude auf 90 Minuten Fußball, 6:0 Tore, eine nicht alltägliche und verrückte Fahrt durch Warschau aber eben auch ganz bange Minuten mit der Schattenseite des polnischen Fußballs: Abgesehen vom unterirdischen Fußball von Legia Warschau, existiert ein allgegenwärtiger Antisemitismus im Stadion und insbesondere viele absolut gewaltbereite Hooligans, für die ein Spieltag mit Krieg gleichzusetzen ist. Dem gegenüber wiegt die gigantische Stimmung auf den Rängen, insbesondere der Żyleta, leider nur nebensächlich entgegen. Vielleicht ist das auch ein Spiegelbild der polnischen Gesellschaft.

Es war sicherlich im Nachhinein betrachtet eine außergewöhnlich abenteuerliche Reise, die wir jedoch kein zweites Mal mehr antreten werden. Wo Chaoten Angst und Schrecken verbreiten, sollte man sich lieber eine insgesamt 31stündige Reise für 90 Minuten Fußball ersparen. Polen wird zumindest auf meiner Landkarte für Auswärtsspiele wieder gestrichen.

M. Schaber

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